„Auch Erstlingswerke haben eine reelle Chance“ – Interview mit Zarah Philips

Zarah Philips veröffentlichte 2016 ihren ersten Roman „Lauter Leichen“ bei neobooks. Knapp zwei Jahre später überzeugte Sie nun die Lektoren von Midnight by Ullstein mit ihrem Debüt: Das eBook zu „Lauter Leichen“ ist im März diesen Jahres erschienen, die Printversion ist seit Anfang April erhältlich.

 

Autorenfoto Zarah PhilipsSeit wann schreibst du und in welchem Genre bist du unterwegs?

Meinen ersten Kurzkrimi mit einem Umfang von ungefähr 40 Seiten habe ich geschrieben, als ich zwanzig war, er wurde im Heyne-Verlag in einem Sammelband veröffentlicht. Mit dem Roman „Lauter Leichen“ habe ich vor fünf Jahren begonnen. Er war allerdings in den ersten beiden Jahren ganz anders als das, was nun den Buchdeckel füllt.

 

Wie gehst du vor, wenn du ein Buch schreibst?

Ich erfinde Menschen, und diese Menschen übernehmen ganz schnell die Führung über das Geschehen. Meist beginne ich mit zwei oder drei Personen und einer Szene. Daraus entwickelt sich dann etwas – oder auch nicht. Wenn ich merke, dass kein Leben in den Zeilen steckt, lösche ich sie. Dann weiß ich, dass die Charaktere nicht stimmig sind, und lasse sie in mir wachsen, bevor ich mich das nächste Mal an das Notebook setze. Ansonsten habe ich nur eine grobe Idee und das Ende im Kopf, und so bewege ich mich von dieser ersten Szene aus Stück für Stück weiter.

 

Machst du alles selbst? Welche Dienstleistungen lagerst du aus?

Ich schreibe selbst, den Rest lagere ich aus, so gut es geht. Leider habe ich noch keinen professionellen Marketing-Dienstleister gefunden. Das ist dann wohl eine Marktlücke – oder Zeugnis meiner unmotivierten Recherche.

 

Buchcover Lauter Leichen Zarah Philips

Lauter Leichen spielt im noblen Hamburger Westen und erzählt die Geschichte der Teilzeit-Henkerin Elli. Was hat dich dazu inspiriert?

Die Beobachtung meiner eigenen Gedanken. Elli, meine Heldin, beginnt mit Selbstjustiz, später entfällt das „Selbst“, und sie richtet. Obwohl ich Selbstjustiz ablehne, würde ich sie in manchen Fällen nachvollziehen können. Man stelle sich folgende Szene vor: Dein Kind wird getötet, der geständige, aber unheilbar sadistische Mörder sitzt eine lächerlich kurze Gefängnisstrafe ab, steht nach der Entlassung vor dir, du hast eine Pistole in der Hand und weißt, dass du ihn ungestraft töten könntest. Was tust du? Das ist eine interessante Frage, der ich in einem anderen Setting nachgegangen bin, auf meine Weise. Ich habe im Laufe des Schreibens gelernt, dass der schwarze Humor zu mir gehört.

 

Dein Buch wurde 2016 bei neobooks veröffentlicht, kürzlich von den Midnight-by-Ullstein-Lektoren entdeckt und erscheint 2018 als eBook und Printversion.

Wie sind die Lektoren über neobooks auf dich aufmerksam geworden?

„Lauter Leichen“ ist Ullstein von neobooks empfohlen worden, was mich besonders gefreut hat, denn es zeigt, dass auch Erstlingswerke von völlig unbekannten Autoren eine reelle Chance haben.

 

Wie war es für dich, als Midnight dich kontaktiert hat?

Das war am 21. Dezember, und es war wie ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk. Ich hatte nicht damit gerechnet; umso überraschender war die Mail für mich. Mir war immer klar, dass ich keine überzeugte Selfpublisherin bin, weil mir das Marketing nicht liegt und ich mein bisschen freie Zeit am liebsten mit dem Schreiben verbringe. Die guten Selfpublisher beherrschen nicht nur das Schreiben, sondern auch die Vermarktung. Es fasziniert mich, wie sicher sie ihre Zielgruppe ansprechen – eine Fähigkeit, die ich (zumindest bislang) nur rudimentär entwickelt habe. Insofern war das Angebot etwas, über das ich nicht nachdenken brauchte; es fehlte nur noch mein „ja“, und das bekam Midnight sofort.

 

Welchen Tipp hast du für Autoren, die vom Lektorat entdeckt werden wollen?

Ich glaube, dass viele Wege nach Rom führen. Grundsätzlich denke ich, dass alles stimmig sein muss, jeder Satz in jedem Absatz in jedem Kapitel, und jedes Kapitel muss ein unverzichtbarer Teil der Geschichte sein. Stil, Protagonisten und Plot müssen eine harmonische Sinfonie ergeben. Wenn das gelingt, ist der Verlagsvertrag früher oder später da. Wenn das nicht gelingt, ist eine große Fanbase inklusive hoher Verkaufszahlen sicherlich auch ein gutes Argument. Was nicht funktioniert ist fehlende Demut mit den eigenen Fähigkeiten und dem eigenen Werk. Wem Demut fehlt, lernt nicht.

 

Du hast bereits Erfahrungen im Verlag und auch im Self-Publishing sammeln können. Welche Vorteile siehst du jeweils?

Selfpublishing fordert den Unternehmer in dir, der große Publikumsverlag nimmt dir die Unternehmerschaft weitestgehend ab, der kleine Verlag leitet mit dir Hand in Hand das Unternehmen. Wenn man die freie Wahl hat, sollte man wissen, wer man ist.

 

Arbeitest du bereits an weiteren Projekten?

Ja. Ich habe gelernt, dass sich Liebesromane hervorragend verkaufen, ein Genre, das ich eher vom Hörensagen kenne. Dann lag ich im letzten Jahr im Krankenhaus, konnte nachts nicht schlafen – neben mir schnarchte eine alte Dame, und ich machte mich auf die Suche nach einem Buch, das ich trotz der Schmerzen und der Müdigkeit lesen konnte und das mich gut unterhalten würde. Ich stieß auf die Mr. Grey-Reihe von Emily Bold, und da war es um mich geschehen. Noch im Krankenhaus entwickelte ich den Plot zu einem schwarzhumorigen Liebesroman, der nun zu achtzig Prozent abgeschlossen ist. Außerdem schreibe ich am zweiten Teil von „Lauter Leichen“ – das ist nach wie vor ein Herzensprojekt, das mich auch in meinem Alltag begleitet. Es wird diesmal um einen Serienmörder gehen, der es unter anderem auch auf Elenor – meine Heldin – abgesehen hat. Der Titel „Lauter Leichen“ wird wieder Programm sein, natürlich herrlich skurril und unblutig.

 

Dürfen wir mit diesen im Self-Publishing oder im Verlag rechnen?

Ich tendiere eher zum Verlag, aber Gottes Wege sind unergründlich, und ich fürchte, dass der Liebesroman für Verlage zu speziell ist. Also werde ich eine gute Gelegenheit haben, meine Marketingkenntnisse auszubauen.

 


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