Verwende nie mehr als drei Ausrufezeichen je Buch, wenn du nicht Tom Wolfe heißt

Diesen Tipp gibt Elmore Leonard, der bekannte Krimi- und Western-Autor) im Süddeutsche Magazin vom 01/2001. Hier noch ein paar weitere:

1. Ein Buch niemals mit der Schilderung des Wetters beginnen. Zu langweilig.
2. Prologe und Vorgeschichten vermeiden. Die nerven auch, besonders wenn der Prolog auf eine Einleitung folgt, die nach dem Vorwort steht.
3. Niemals ein anderes Verb außer »sagte« bei Dialogen verwenden, denn der Satz gehört der Figur; das Verb ist der Autor, der sich einmischt. Das Verb »sagte« ist weit weniger aufdringlich als grollte, keuchte, warnte, log. »Postulierte« habe ich auch schon gelesen, die Bedeutung musste ich erst im Lexikon nachschlagen.
4. Niemals das Verb »sagte« mit einem Adverb schmücken wie »laut« oder »leise«. Die Verwendung von Adverbien ist eine Todsünde. Der Autor drängt sich in den Vordergrund, wenn er ein Wort verwendet, das den Leser ablenkt und das den Rhythmus des Dialogs unterbricht.
5. Auf Ausrufezeichen achten. In Prosa sind nicht mehr als zwei oder drei alle 100 000 Worte erlaubt, wenn man nicht Tom Wolfe heißt.
6. Dialekte und Mundart sparsam einsetzen. Sonst müllt man die Seite mit Apostrophen zu und kann nicht mehr aufhören.
7. Detaillierte Figurenbeschreibungen vermeiden. Wie sehen »der Amerikaner und das Mädchen« in Ernest Hemingways Kurzgeschichte Hügel wie weiße Elefanten aus? »Sie hatte ihren Hut abgenommen und ihn auf den Tisch gelegt.« Das ist das Einzige, was annähernd einer Beschreibung gleichkommt, und trotzdem sehen wir das Pärchen vor uns und erkennen sie an ihren Stimmen, ohne ein einziges Adverb weit und breit. Hemingway liebe ich übrigens. So wollte ich immer schreiben. Bis ich merkte, er hatte keinen Humor.
8. Keine aufwändigen Beschreibungen von Szenen oder Gegenständen. Das fällt vielen schwer, da sie so in ihre Formulierungen verliebt sind.
9. Die Leser nicht durch das Schriftstellersein von der Story abzulenken. Ein Romanautor kann viele Formulierungen verwenden, die ihm geläufig sind, aber wozu sollte er? Ich versuche mich auf die Stimmen der Figuren zu konzentrieren, die mir sagen, wer sie sind und was sie von dem halten, was sie sehen und was gerade passiert. Ich bin in meinem Büchern nirgends zu sehen.

Und ihr findet das Interview in voller Länge hier.


22 Gedanken zu “Verwende nie mehr als drei Ausrufezeichen je Buch, wenn du nicht Tom Wolfe heißt

  1. Eine interessante, einprägsame Liste.

    Aber, sie widerspricht scheinbar auch etlichen Regeln oder Tipps, die man sonst so zum Romanschreiben lesen kann:

    Zu 3):
    Nur „sagte“ zu schreiben ist auch langweilig, besser dann gar nichts.

    Zu 7) und 8):
    Gerade das wird einem doch immer gepredigt:
    Charaktere sollen detailiert durchskizziert sein, damit sich der Leser ein Bild machen kann und ggf. die Beweggründe des Protagonisten etc. verstehen kann.

    Auch die Schauplätze sollten doch klar vermittelt werden, ansonsten könnte die Geischte ja gleich in einer Green-Box stattfinden…

    Ich kann den Tipps leider nur bedingt zustimmen, zumal wenn man sich dabei bestimmte Romane (z.B. Limit v. Frank Schätzing etc.) vorstellt, wo alles durchgeplant und regelrecht illustriert ist.

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    1. Exakt! Wo bleibt denn sonst die dichterische Freiheit. Das mag ja sein Weg sein und prinzipiell auch okay. Aber kommt es nicht immer auf die Zielgruppe an, auf den eigenen persönlichen Stil?

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    2. Vielen Dank @Margot für den zehnten Tipp! 1 – 9 klingen bei gemeinsamer Anwendung nach eher karger Lektüre. Warum auch nicht, aber bitte nicht immer.

      Außer, jemand will wie Hemingway schreiben. Mein Ziel ist das nicht. Mir geht sein Stil sogar auf den Senkel, zum Beispiel in „Wem die Stunde schlägt“.

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  2. Ich schließe mich Margot an und füge ergänzend hinzu: Hätte Stephanie Meyer sich an diese Anleitung gehalten, hätte sie wohl nie eine Handvoll Bestseller geschrieben! 😉
    Aber einige Punkte sind durchaus sinnvoll!

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  3. Bücher sind keine Kette von Twitter-Tweets, so unterschiedlich die SchreiberInnen, so unterschiedlich sind die Geschmäcker der LeserInnen. Never say never, manchmal ist es wunderschön ausführliche Beschreibungen zu lesen, es zeigt die Sensibilität und Tiefe des Autors bzw. der Autorin. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, tausend Worte können jedoch auch nur für die Beschreibung eines einzigen Blickes dienen. Blicke dieser Art schon einmal erlebt?

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  4. Prologe, sagt einer der Prologe für eine simple Notlösung hält, sind verzichtbar! Wenn, ja wenn Autor sein Handwerk ernst nimmt! Was bei Wasserstandsberichten a la: „es hatte nun schon die dritte Woche in Folge geregnet, was Henry Bottombotten nicht weiter beunruhigte, hatte er seine getreue Gefährtin Lara doch auch in der Regenzeit hier in Indien geheiratet und damit die Grundlage für seinen späteren Erfolg im Britischen Unterhaus gelegt!“
    Elmore Leonard ist also nur bedingt zuzustimmen! Ach ja, Zitat stammt von…

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    1. Lustig. Ich hab mich grad dazu entschieden meinem Roman einen Prolog zu spendieren, da der viel Sinn macht. Eigentlich Ist es eher ein eigenes Kapitel, allerdings nenne ich es aufgrund eines größeren Zeitsprungs „Prolog“.

      Unterm Strich: Jeder sollte so schreiben, wie er/sie den eigenen Text gut findet. Wie sollten sonst neue Stile entstehen? Außerdem macht es sonst viel weniger Spaß.

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  5. …und wenn ich 350 Seiten lang nur sagte,sagte, sagte, sagte, der, der den Hut abgelegt hat, lesen sollte, wäre das Buch für die Tonne. Ich käme nicht bis Seite 100. Wer ist der Ratschlaggeber ? Einer, der sich für Gottes bestes Werk hält? Ja, im Western haben die Helden ja nicht mehr wie ein kurzes Knurren aus dem Mundwinkel gepresst. Mir gefällt dieser Stil nicht(!) zur Bekräftigung 🙂

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  6. Um es mal deutlich zu sagen: Ich halte die Tipps in dieser knappen Dareichungsform für absurd, auch wenn sie sicherlich einen sinnvollen Kern haben. Ein wirklich guter Autor kann seinen Roman z.B. nicht nur mit der Beschreibung des Wetters anfangen, er kann einen kompletten Roman über das Wetter schreiben, ohne dass es eine Sekunde langweilig wird. Ich habe zwei Tipps, die ich selber beherzige: 1) Lese viel und prüfe, was dir an fremden Texten gefällt und was nicht. Neobooks ist dafür eine verdammt gute Quelle. Wende diesen Blickwinkel dann auf deine eigenen Texte an. 2) Gibt Dir jemand einen Schreibtipp, dann wende ihn ruhig aus Spaß an, versuche ihn zu bestätigen oder zu widerlegen, checke wie deine Lieblingsautoren damit umgehen. Was immer du auch machst, du machst dir damit den Tipp bewußt, setzt dich mit dem Schreiben auseinander – und das bringt dich immer weiter.

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  7. Die Aufstellung oben ist wahrscheinlich auch nicht der Weißheit letzter Schluss – aber immerhin hat sie zum Nachdenken angeregt.

    Ob die Empfehlungen nun beherzigt werden oder nicht, bleibt jedem selber überlassen.

    Viele Grüße!

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      1. Von nichts anderem bin ich ausgegangen :-). Dank vieler Leseproben von Elmore Leonard (z.B. bei bilandia.de) kann man übrigens prima nachprüfen, wie stark er sich selber an seine Tipps hält oder dagegen verstößt 😉 Ich will ja nicht zuviel verraten, aber …

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  8. Alle Tipps haben ihre Berechtigung! Natürlich auch die von Frau Wurzer und die von Herrn Leonard! Dem Autor, der unverwechselbar sein will, muss es nur darauf ankommen, dass es seinen ganz eigenen Stil finden kann. Und dabei ist nur eines wichtig: dass er sein Publikum nicht langeweilt! Wenn ein Prolog dazugehört, dann her damit! Wenn es eine literarische Neuerung sein kann, wie bei Georg Klein`s „Libidissi“, den Prota sich selber als „Ich, Spaik“ bezeichnen zu lassen, mag das auf den ersten Blick ungewöhnlich daherkommen. Macht aber durchaus Sinn, wenn es nicht nur ein künstlerischer Trick sein will. Auf das warum ist zu achten! Der Leser merkt sofort, wenns klemmt. Möglicherweise nur unterbewusst. Eine Lektorin muss da schon noch ganz andere Sichtweisen für ihr „Bauchgefühl“ hernehmen.Und der Hinweis auf Tom Wolfe ist möglicherweise der absolut Wichtigste in der obigen Aufzählung:

    Versuche einfach erst gar nicht, Tom Wolfe zu sein! Sei ganz einfach Du selber!

    Gruß, superwiser, der immer nur der A.S. Lieberberg sein will!

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  9. Ja, bei diesen Tipps muss ich mich doch grade fragen:
    Will der gute Elmore seine Konkurrenz ausschalten, indem er allen anderen Tipps geht, es möglichst nicht so zu machen, wie er selbst?
    Ich bin kein Fan von Krimis, deshalb sagte mir der Name dieses Herrn erst einmal gar nichts.
    Aber bitte, wieso sollte ich auf jemanden hören, der ganz offensichtlich an mangelnder Selbstreflexion leidet?
    Ich schreibe, wie ich es will, zumal meine Charaktere mir eh ständig einen Strich durch jeglichen Plot machen. Ich höre also durchaus auf sie… wenn auch ganz anders, als Herr Leonard es meinte.

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  10. Es gibt einen wunderbaren Film namens „Die Braut des Prinzen“ („The Princess Bride“). Darin sagt eine hinreißend witzige Figur namens Vizzini: „Kennst du Plato, Sokrates und Aristoteles?“ Und ohne eine Antwort abzuwarten erklärt er: „Alles Idioten!“
    Daran erinnert mich Elmore Leonards Geschwätz, nur leider ohne den Aspekt der Witzigkeit.
    Vizzini stirbt im Film übrigens wenige Sekunden später an den Folgenseiner Borniertheit.

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