Barry und Dana Stiller stellen vor: yWriter

Das tapfere Schreiberlein

Wer schon einmal versucht hat, mit einem normalen Textverarbeitungsprogramm einen längeren Roman zu schreiben, wird nach kurzer Zeit den Gedanken an Alternativen entwickelt haben. Zum einen ist die Handhabung einer einzigen großen Datei extrem unkomfortabel, zum anderen wird die Software mit zunehmender Textlänge immer langsamer. Auch die Absturzsicherheit nimmt nicht gerade zu. Mit einem modernen Rechner und viel Arbeitsspeicher lässt sich viel verbessern, an der Unübersichtlichkeit einer Mammutdatei ändert sich nichts. Deshalb haben wir uns schon vor langer Zeit auf die Suche nach der richtigen Schreibsoftware gemacht.

Aufgrund unserer persönlichen Arbeitsweise stand für uns von Anfang an uns fest, dass das Programm mit kleinen Dateien arbeiten sollte, auch auf einem Netbook flüssig bedienbar sein muss und eine Verwaltung für Charaktere und Schauplätze benötigt. Auch war eine Einbindung von Notizen und Rechercheergebnissen Pflicht. Zusätzlich musste eine Installation im Netzwerk oder auf USB-Stick möglich sein. Egal, ob Scrivener, Liquid Story Binder, Storybook oder Writer’s Café, für uns kristallisierte sich nach langwieriger Testerei allein yWriter als geeignetes Werkzeug heraus. Simon Haynes, der Programmierer hinter yWriter, ist selbst Autor – und das merkt man der Software an. yWriter ist schnell, übersichtlich und bietet eine datenbankorientierte Verwaltung.

Etwas Fachsimpelei auf dem Autorentag in Frankfurt brachte schnell zu Tage, dass die Frage nach der idealen Schriftstellersoftware nicht nur uns beschäftigt. Deshalb kommen wir gerne dem Wunsch des neobooks-Teams nach, unsere favorisierte Lösung vorzustellen und eine kurze Einführung in die Arbeit mit dem Programm zu schreiben.

Alles unter einem Dach

Die Arbeitsoberfläche von yWriter besteht aus dem Projektfenster, in dem alle Bereiche vom Inhaltsverzeichnis bis zu den definierten Schauplätzen und Charakteren im Zugriff liegen, sowie dem Texteditorfenster. Hervorzuheben ist hierbei, dass sich mehrere Editorfenster gleichzeitig öffnen lassen. Auch muss der Editor nicht geschlossen werden, wenn im Projektfenster gearbeitet wird. So kann man sich im Projektfenster beispielsweise die bereits angelegten Gegenstände anschauen oder neue Figuren anlegen, während der Texteditor geöffnet ist.

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Zusätzlich sind viele Registerkarten auch direkt im Editorfenster verfügbar. Das ist besonders nützlich, wenn man auf einem kleinen Monitor arbeitet. Somit ist yWriter für Systeme mit mehreren Monitoren genauso geeignet wie für kleine Netbooks. In Punkto Ressourcenverbrauch ist das Programm ebenso flexibel. Ein zehn Jahre alter PC hat mehr als genug Power für flüssiges Arbeiten. Das liegt vor allem am Programmkonzept. yWriter speichert jede Szene als eigene RTF-Datei und verwaltet diese innerhalb des Projektes.

Ein neuer Roman entsteht

Ein Projekt (also der Roman) besteht in der yWriter-Nomenklatur aus Kapiteln, welche Szenen enthalten. Die Arbeit an einem neuen Buch beginnt in yWriter mit dem Anlegen eines Kapitels. Diesem kann man eine Beschreibung oder Zusammenfassung zuordnen und es wahlweise als Beginn eines neuen Abschnitts definieren, was durch einen fetten Font angezeigt wird. Ist ein Kapitel angelegt, kann es mit beliebig vielen Szenen bestückt werden. Solche Objekte, egal ob Kapitel, Szenen, Charaktere, Schauplätze oder Gegenstände, lassen sich immer über einen Rechtsklick im entsprechenden Tab generieren. Im folgenden Screenshot ist Kapitel 1 aktiv.

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Mit einem Rechtsklick auf die Liste der Szenen wird eine weitere angelegt. Es öffnet sich automatisch der Editor für diese neu angelegte Szene. Die Registerkarte „Inhalt“ enthält den Text der Szene, also den eigentlichen Buchtext. Die Inhalte aller anderen Tabs sind organisatorischer Natur und beinhalten Notizen, Informationen über den Bearbeitungsstatus, die Perspektivfigur, die involvierten Figuren und den Schauplatz. Sogar ein Bild lässt sich pro Szene hinterlegen.

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Bei der Einführung einer neuen Figur beispielsweise wechselt man auf die Registerkarte „Charaktere“, klickt mit der rechten Maustaste in die Liste der Charaktere und kann im erscheinenden Dialog alle notwendigen Personalinformationen eingeben. Mit „OK“ wird der Charakter angelegt und erscheint auf der rechten Seite in der Gesamtbesetzung.

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Per Drag and Drop fügt man die Figuren zu der Szene auf der linken Fensterseite hinzu. So kann man dank Datenbankfunktionen später nach Charakteren suchen, die Häufigkeit ihres Erscheinens auswerten oder leere Kapitel und Szenen mit korrekter Besetzung, Gegenständen und Schauplätzen anlegen. Wir übertragen beispielsweise auf diesem Weg unser handschriftliches Storyboard, Zeitleisten, Figuren, Locations und andere relevante Informationen in die digitale Welt. Umfangreichere Dokumente und Rechercheergebnisse lassen sich nicht effektiv in yWriter unterbringen, aber dafür gibt es ja bereits Datenbanken (oder im Zweifelsfall Regale).

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Zusätzliche Szenen und Kapitel, die gerade nicht in den Plot passen, kann man mit „nicht verwendet“ kennzeichnen und brachliegen lassen. Sollte das Kapitel später doch passen, kann man es in der Kapitelliste einfach an die richtige Stelle ziehen und aktivieren.

So entsteht ein komplexes Gerüst des Romans in yWriter, bevor mit dem Ausformulieren einer Geschichte begonnen wird. Diese Vorgehensweise, bei der yWriter zugegebenermaßen nur ein Werkzeug darstellt, ist naturgemäß mit viel Denk- und Fleißarbeit in der Konzeptionsphase eines Romans verbunden, ermöglicht dafür aber produktives Schreiben und vermeidet weitgehend Logikfehler.

Nach dem Schreiben…

…geht die Arbeit in der Regel erst richtig los. Dazu werden die meisten Autoren einiges zu erzählen haben. Wie alle anderen nicht menschlichen Lösungen, so kann auch yWriter nicht lektorieren. Trotzdem gibt es einige Hilfsmittel, um die gröbsten handwerklichen Dinge zu kontrollieren. So lässt sich eine beliebig lange Liste von Problemworten anlegen, die das Programm dann auf Wunsch im Texteditorfenster markiert. Natürlich muss auch diese Liste regelmäßig gepflegt werden, damit sie sinnvoll verwendet werden kann.

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Der Versuchung, die Spalte „ersetzen“ zu füllen, sollte man übrigens widerstehen, schafft sie doch bei ausgiebiger Nutzung letztlich neue Problemwörter. Ein weiteres nützliches Werkzeug ist die Funktion „Worthäufigkeit anzeigen“. Neben den Problemworten, kann man eigentlich unproblematische Worte wie „sagte“ oder „ging“ so auf ihre Häufigkeit im Text überprüfen und gegebenenfalls ersetzen. Eine Rechtschreibkorrektur bietet yWriter nicht. Das ist allerdings kein großes Problem, da man den gesamten Text ja durch eine herkömmliche Textverarbeitung jagen kann.

Beim Export bietet yWriter die Formate HTML, RTF, TXT und LaTeX. Damit sollte die Erstellung eines eBooks in einem spezialisierten Programm, wie Sigil, kein Problem sein. Interessant sind auch die Auswahlmöglichkeiten der Exportfunktion. Sorgfältige Text- und Datenbankpflege vorausgesetzt, lassen sich neben dem eigentlichen Romantext wahlweise nur die Zusammenfassungen der Kapitel oder Kapitel plus Beschreibung exportieren. Auch komplexere Auswahlen mit Figuren- oder zeitlichem Bezug sind möglich.

Jedem das seine

Letzlich muss jeder Autor selbst wissen, was er möchte. Für uns ist yWriter das Produktionswerkzeug der Wahl. Wir haben kein anderes Programm gefunden, welches so fokussiert die für uns essentiellen Funktionen anbietet und dabei übersichtlich, schnell und flexibel bleibt. Wir brauchen kein Mind-Mapping, keine Kreativ-Tools oder andere Gimmicks in unserem Schreibprogramm. Wer sich lieber treiben lässt und auf die kreative Eingebung wartet, wird mit solcher Software nicht glücklich. Vielmehr wird man durch das Konzept von yWriter praktisch zu strukturierter Arbeitsweise gezwungen. Um das Programm gewinnbringend einzusetzen, ist eine detaillierte Planung und Konzeption des neuen Werkes fast unumgänglich. Dies bewahrt den Autor aber auch zuverlässig vor der gefürchteten Schreibblockade, denn wer seine Gedanken ordnet, bevor er den Deckel der Schreibmaschine abnimmt, wird niemals auf ein leeres Blatt starren.

yWriter ist Donationware, lässt sich aber auch ohne Spende in vollem Umfang nutzen und ist auf der Webseite www.spacejock.com des Autors Simon Haynes erhältlich.

 

So ist Informium entstanden. Danke an Barry und Dana Stiller!


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