Schreibtipps von Christiane Schünemann

Christiane Schünemann ist  freie Mitarbeiterin für die Zeitschrift „TextArt – Magazin für Kreatives Schreiben“ und hat im Juni ihren ersten Roman veröffentlicht. Sie verrät euch heute, wie man seine Romanfiguren lebendiger wirken lassen kann und was es mit der sogenannten „Pomodoro-Technik“ auf sich hat. So viel verraten wir schon mal: eine sehr interessante Methode!

„Die Frau im Eismantel“ heißt dein neuester Roman auf neobooks. Das klingt sehr geheimnisvoll. Wie bist du auf diesen Titel gekommen?

Die Frau im EismantelEs gefällt mir, dass du den Titel „geheimnisvoll“ findest. Von Geheimnissen können wir nie genug kriegen! Nun, die Erzählung ist langsam gewachsen. 2009 traten die drei Hauptfiguren (eine Frau und zwei Männer) erstmals an meinen Schreibtisch. Im Laufe der Zeit hatte ich mehrere Arbeitstitel, zum Beispiel „Schneemond“, „Wolfsmond“ und „Wie die Nacht so blau“. Die Frau ist die Hauptfigur und der Eismantel bekommt am Ende eine Bedeutung. Darum fand ich „Die Frau im Eismantel“ am treffendsten.

Woher nimmst du die Inspiration für deine Geschichten? Gibt es besondere Orte, an denen du am liebsten schreibst?

Alexandre Dumas brauchte immer einen „Haken“, an dem er seine Geschichte aufhängen konnte. Mein „Haken“ war ein Artikel aus der Ostsee-Zeitung vom Januar 2009 über einen obdachlosen Mann, der in jenem eisigen Winter im Rostocker Stadtwald gelebt und jegliche fremde Hilfe abgelehnt hatte. (Er hatte Geld im Schal gehabt, und er hat ohne Erfrierungen überlebt, wie ich später erfahren habe.)

Schreiben ist immer autobiografisch. Nur, dass die Erzählung nicht mein Leben spiegelt. Ich bin keine der drei Hauptfiguren, aber jeder habe ich etwas von mir gegeben.

Die besten Ideen kommen, wenn ich sie nicht erwarte. Ein Beispiel: Vor gut dreißig Jahren hatte mir meine damalige Freundin einen Satz anvertraut, den ihr Vater in Trance gesagt hatte, als er im Sterben lag. Den Satz hatte ich vergessen. Als ich an der „Eismantelfrau“ gearbeitet habe, hat mir mein Unbewusstes den Satz wieder an das Ufer gespült. Er ist zu einem Schlüsselsatz geworden, ich war überrascht.

Besondere Orte? Leider gehöre ich nicht zu den Kaffeehausschreibern. Auch auf Reisen kann ich unmöglich schreiben. Alles Neue und Aufregende lenkt mich nur ab. So eine Zwangspause hat aber auch etwas Gutes: Man kann den Fundus wieder füllen und sich erholen. Schreiben ist ein schöpferischer, aber auch ein erschöpfender Prozess. Am liebsten schreibe ich in einem mir vertrauten stillen Raum.

Auf deiner Website erzählst du, wie wichtig und schwierig es ist, seinen Figuren Seele zu verleihen. Aber wie merkt man, dass man zu verkopft schreibt? Und was kann man tun, um seine Figuren lebendiger werden zu lassen?

Das Schreiben und die Figuren bekommen mehr Tiefe, wenn wir auch das Unbewusste nutzen. Das Unbewusste spielt uns die besten Ideen in den Momenten zu, in denen unser Bewusstsein gerade abgelenkt ist, sei es durch das Schreiben selbst oder durch Kritzeln oder durch einfache automatische Handlungen wie Autofahren oder Badputzen. Das Bewusstsein muss abgelenkt werden! Das ist die Zauberformel.

Ein entspannter Zustand ist immer hilfreich. Ich meditiere gern. Das ist nichts Großartiges, einfach nur ein stilles Sitzen und erwartungsloses (!) Nachinnenschauen. Es fehlt mir, wenn ich einige Tage lang nicht dazu komme. Oft hält mich Angst vom Schreibtisch fern, es ist die Angst zu versagen. Dann ist es gut, einfach nur zu schreiben und absichtslos und unbekümmert wie ein Kind mit den Worten und mit den Figuren zu spielen.

Du hast in den 80ern als Regieassistentin im Theater gearbeitet und dabei selbst auch schon auf der Bühne gestanden. Gab es eine Rolle, die dich besonders gereizt oder beeinflusst hat?

neobooks CircusDas Theater hat mich immer magisch angezogen. Als ich sieben war, wollte ich Schauspielerin werden. Als ich 17 und im ersten Ausbildungsjahr war, habe ich an der Rostocker Schauspielschule vorgesprochen. Ich hatte zwei Dialoge aus der „Dreigroschenoper“ vorbereitet. Mit einem Herrenhut wollte ich Macheath sein und ohne Hut Polly. Aber dann stand ich stumm auf den Brettern herum und knetete meinen Hut, denn ich hatte meinen Text verloren. Der Direktor bat einen großen blonden Studenten, sich um mich zu kümmern. Der zog mich in den Flur, hob mich auf einen Tisch und tröstete mich: „Wir sind alle beim ersten Mal durchgefallen!“ Ich verliebte mich in ihn, ging wieder rein und lieferte mein Programm ab. Der Direktor empfahl mir, erst meine Ausbildung zu beenden, da sie niemanden ohne abgeschlossene Berufsausbildung aufnehmen würden, und dann noch einmal vorzusprechen. Dann sollte ich besser Monologe vorbereiten!

Irgendwann wollte ich nicht mehr Schauspielerin werden, darum habe ich auch nicht wieder vorgesprochen. Aber das Theater zog mich immer noch magisch an. Bevor es mit der Regieassistenz klappte, habe ich erst anderthalb Jahre Theaterkarten verkauft. Dann war ich wieder in der Schauspielschule gewesen: Mit Regisseuren, wenn sie Studenten für Inszenierungen suchten. Den großen blonden Studenten habe ich nie wieder gesehen, den Direktor schon. Bei einer weinseligen Premierenfeier habe ich ihm von meinem Auftritt mit Hut erzählt. Er meinte, sich daran erinnern zu können. Das habe ich ihm aber nicht geglaubt. Ehrlich!

Die paar kleinen Rollen, die ich am Theater gespielt habe, waren wirklich klein und unbedeutend. Es waren nur stumme Auftritte. Wahrscheinlich hätte ich wieder nur meinen Text verloren.

Und dann bin ich doch noch Schauspielerin geworden und werde es bleiben, bis mein letzter Vorhang fällt. Allerdings findet das Schauspiel mit meinen Figuren nur auf meiner inneren Bühne statt!

Interessant finde ich, wie sich mein erster Berufswunsch gewandelt hat und doch an den ursprünglichen Wunsch anknüpft.

Meine wichtigste Lektion am Theater aber war, dass es immer das Leichte ist, das so schwer zu machen ist! Und das ist beim Schreiben ebenso.

Du schreibst als freie Mitarbeiterin für die Zeitschrift TextArt – Magazin für kreatives Schreiben. Dabei lernt man sicher den ein oder anderen Trick, der das Leben als Autor leichter macht. Hast du noch einen Rat, den du unseren Autoren mit auf den Weg geben möchtest?

Wenn mich die Angst zu versagen lähmt, dann nutze ich gern die „Pomodoro-Technik“. Diese Zeitmanagement-Methode hat der Italiener Francesco Cirillo entwickelt. „Pomodoro“ heißt übersetzt „Tomate“. Cirillo benutzte eine Eieruhr, die die Form einer Tomate hatte. Weil sich seine Tomatenuhr bis 25 Minuten einstellen ließ, nahm er diese Zeit als Arbeitseinheit = eine „Tomate“. Nach einer „Tomate“ folgt eine Pause von fünf Minuten, nach vier „Tomaten“ eine Pause von 30 Minuten. Entscheidend für diese Technik ist, dass man sich eine „Tomate“ lang nur auf die Aufgabe konzentriert, die man sich vorgenommen hat und alle Ablenkungen ausblendet.

Da mich das Ticken einer Eieruhr nervös machen würde, habe ich mir einen digitalen Kurzzeitwecker gekauft. Meine „Tomate“ hat 30 Minuten, da ich mal gelesen habe, es gäbe zwei Ideenhöhepunkte: einmal um die 17. Minute herum und dann noch einmal um die 27. Nach ein oder zwei „Tomaten“ brauche ich den Wecker oft gar nicht mehr, da ich dann im Schreibmodus bin und die Angst mich nicht länger lähmt (schlechte Texte kann man ja löschen!). Aber ich habe festgestellt, dass es gut ist, wenn ich die Pausen einhalte. Dann fühle ich mich hinterher nicht so erschöpft.

Christinae Schünemann AutorinLiebe Carina, ich danke dir für deine Fragen, und ich danke euch allen im Team für euer Engagement!


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